Was passiert bei der Maillard-Reaktion im Kaffee?

Von Norbert Ahnsorge (Inhaber) · Veröffentlicht · aktualisiert

Die Maillard-Reaktion ist eine chemische Reaktion zwischen Aminosäuren und Zuckern ab etwa 140 °C. Sie erzeugt die braune Farbe der Bohne und Hunderte Aromastoffe — dieselbe Reaktion, die Brotkruste und gebratenes Fleisch schmackhaft macht.

Warum das so ist

Wenn du ein Steak brätst, Brot bäckst oder Zwiebeln anröstest, passiert immer dasselbe: Aminosäuren und Zucker reagieren miteinander und bilden neue Verbindungen — braune Farbstoffe (Melanoidine) und flüchtige Aromastoffe. Der französische Chemiker Louis-Camille Maillard beschrieb diese Reaktion 1912. Beim Kaffee ist sie für einen Großteil des Geschmacks verantwortlich.

In der rohen Kaffeebohne liegen die Zutaten bereit: freie Aminosäuren (aus Proteinen) und Zucker (Saccharose, Glukose, Fruktose). Ab etwa 140 °C Bohnentemperatur beginnen sie zu reagieren. Das passiert nicht als einzelne Reaktion, sondern als Kaskade von Hunderten parallelen Reaktionen, die jeweils unterschiedliche Verbindungen erzeugen.

Die erste Phase (140–160 °C) produziert Melanoidine — große, braune Moleküle, die für die Farbe der gerösteten Bohne verantwortlich sind. Je länger die Maillard-Reaktion läuft, desto brauner wird die Bohne. Gleichzeitig entstehen Verbindungen, die bitter schmecken — Melanoidine sind ein wesentlicher Bitterstoff im Kaffee.

Die zweite Phase (160–200 °C) erzeugt die meisten flüchtigen Aromastoffe. Über 800 verschiedene Verbindungen wurden in geröstetem Kaffee nachgewiesen, die meisten davon Produkte der Maillard-Reaktion: Pyrazine (nussig, erdig), Furanone (karamellig, süß), Thiole (röstig, brotig), Aldehyde (fruchtig, blumig). Welche dieser Verbindungen dominieren, hängt von Temperatur, Zeit und den spezifischen Aminosäuren und Zuckern in der Bohne ab — und damit von Herkunft, Varietät und Aufbereitung.

Parallel zur Maillard-Reaktion läuft die Karamellisierung: Zucker zerfällt unter Hitze und bildet Karamell-Aromen und weitere braune Farbstoffe. Beide Prozesse sind eng verflochten und schwer voneinander zu trennen.

Für Röster ist die Maillard-Reaktion der Schlüssel: Sie müssen Temperatur und Zeit so steuern, dass genügend Aromastoffe entstehen, ohne dass die Bitterstoffe überhandnehmen. Zu kurz geröstet — die Maillard-Reaktion ist unvollständig, der Kaffee schmeckt grün und grasig. Zu lang — die feinen Aromastoffe sind verdampft und die Bitterstoffe dominieren.

In der Praxis bei Green Wall Coffee

In unserem Café in der Sophienstraße 27 in Berlin-Lichtenberg erkläre ich die Maillard-Reaktion meist am Beispiel Toast: Hellbrauner Toast — aromatisch und süß. Schwarzer Toast — bitter und verbrannt. Genau dasselbe passiert mit Kaffeebohnen. Der Röster steuert, wo auf diesem Spektrum die Bohne landet. Specialty-Röstereien zielen meist auf den goldbraunen Toast-Moment, bei dem die meisten Aromen da sind und die Bitterstoffe noch im Hintergrund.

Wenn du es selbst probieren willst: Sophienstraße 27, Berlin-Lichtenberg. Mo–Fr 8–17 Uhr, Sa 10–17 Uhr.

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